Die blaue Kugel (Kurzgeschichte)

Es sind nur wenige Schritte zum Piazza del Campo, eines der architektonischen Wunder Sienas. Der Campo wurde in Muschelform angelegt, senkt sich zur Basis hin und muss deshalb autofrei bleiben – geradezu eine Einladung, sich irgendwo auf dem Platze wie in einem Amphittheater niederzulassen, die Sonne und seine Kulisse zu geniessen. Am unteren Ende des Platzes, wo das Rathaus und der Torre die Piazza abschliessen, ist es geschehen.
Eines Tages, in den frühen Morgenstunden, machte sich ein junger Mann auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Später erzählte er, es müsse so um 4 Uhr gewesen sein, als er den Campo von Westen her betrat; er sei Bäcker, und Bäcker hätten bekanntlich recht absonderliche Arbeitszeiten, wenn die Kunden um 7 Uhr am Morgen frisches Brot kaufen möchten.
Nun, besagter Bäcker betrat also den Campo. Es begann gerade zu dämmern, als er die leuchtend blaue Kugel wahrnahm, die gleich einer Perle an der tiefsten Stelle des Platzes  abgelegt war.

So jedenfalls hatte er bei der Befragung durch einen übermüdeten Polizeibeamten seine Beobachtungen formuliert. Jener Beamte hatte zu so früher Stunde keinen Nerv für durchgeknallte Bürger, und er empfahl dem Bäcker, jener möge sich einen Tag frei nehmen und seinen Rausch ausschlafen – mit dem Brotbacken könne es heute nichts mehr werden.
Unser Bäcker strich beleidigt die Segel und machte sich wieder auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, betrat erneut den Campo von Westen her und nahm verwundert wahr, dass die blaue Kugel noch vorhanden, und weitere Passanten eingetroffen waren. Ein Blick zur Uhr verriet ihm, er könne maximal fünf Minuten verweilen, dann müsste er sich in seine Backstube verfügen. Langsam trat er zu den anderen. Keiner der Anwesenden wagte es, in normaler Lautstärke zu reden. Alle Anwesenden hielten einen respektvollen Abstand zu dem Ding. Der Wachmann einer Bank, seine Nachtschicht war beendet, und er trug noch immer seine Uniform, im übrigen aber unbewaffnet, dieser Wachmann also glaubte, es seinem Status schuldig zu sein, das Wort zu ergreifen und sich an die übrigen Leute zu wenden: Alle herhören! Das ist eine blaue Kugel! Gestern abend war sie noch nicht da. Also muss sie heute nacht hierher gebracht worden sein. Keiner rührt die Kugel an, ist das klar? Mindestens 4 Meter im Durchmesser! Das ist Kunst! Hat einer etwas darüber in der Zeitung gelesen?
Unser Bäcker dachte: Kunst! Naja! Dafür ist Geld da. Und wann kriegen wir endlich unseren Kindergarten renoviert? Drehte sich um und ging. Ging gerade noch rechtzeitig, um den Moment zu verpassen, wo die blaue Kugel zu blinken begann. Wie man später feststellte, pulste sie mit akkurat 60 Schlägen pro Minute, glühte dabei auf, wurde dunkler, glühte auf – unheimlich, meinte eine ältere Signora, und trat zur Vorsicht so um 20 Meter zurück – die übrigen Zuschauer folgten sofort.
Kunst!, knurrte der Wachmann und zog sich grollend zurück. Andere gingen gleichfalls ihrer Wege – Kunst hin, Kunst her, man hat schliesslich seine Arbeit zu tun, und spätestens die Abendzeitung wird diese Angelegenheit erklären, und alles wird seine Ordnung haben, schliesslich ist Italien ein Markenzeichen für wohlorganisiertes Chaos, und man hat einen Ruf zu verteidigen.
Andere Passanten liessen sich in sicherer Entfernung vom Objekt auf dem Campo nieder und warteten. Hätte man sie gefragt, worauf, so wäre ihnen wohl keine sinnvolle Antwort eingefallen. Die Stadtver-waltung hat noch nie ihren Bürgern erklärt, was sie warum tut, und was es kostet. Man wartet einfach, hat Zeit, und es könnte sich ja etwas Neues ereignen. Wohl dem, der nicht alleine gekommen ist. Einer beobachtet, der andere läuft rasch zum nächsten Bäcker und kauft ein Frühstück zusammen, zur Not tun es trockene Panini und eine Tüte kalte Milch!
Nun bleibt dem Bäcker die Genugtuung versagt, jenen Polizisten zu observieren, der ihn des morgentlichen Suffs bezichtigt hatte. Müde und ausser Dienst, fühlte er sich doch verpflichtet, die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Brüllte los: Alles zurück! Dass mit keiner die Kugel anfasst! Das ist Kunst! Das hat die Stadtverwaltung installieren lassen! Aber nicht, damit Ihr es von allen Seiten anfingert! So etwas kostet Geld! Milliarden Lira! Alles zurück! Ein Passant räsoniert: Euro! Und  Milliarden sowieso nicht! Der Polizist: sagen Sie das nochmal! Ich dulde keinen Widerspruch! Sie wissen garnichts! Sprachs, blickte auf seine Uhr, und rief per Funk seinen Vorgesetzten an: Sagen Sie mal, Herr Hauptmann, was ist eigentlich auf dem Campo los, und warum wissen wir nichts von dieser Sache?
Manchmal ist es unklug, sowas zu tun. Gehe nie zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen würst! Der Hauptmann explodiert in seinem Bett. Man hört am Funk, wie die Daunen gegen die Wände klatschen. Dem Polizisten blieb unklar, ob er eine gepredigte Verfluchung oder eine mit Flüchen angereicherte Predigt zu hören bekam. Es war ihm auch gleichgültig. Er sagte irgendwann: Roger! und schaltete ab. Resumierte kurz: Der Chef glaubt, ich sei besoffen. Man habe ihn wegen eines Juxes aus dem Schlaf gerissen. Es gäbe ein Nachspiel. Und es drohe eine Versetzung zur Müllabfuhr. Solle er doch erst mal seinen faulen Arsch hierher in Bewegung setzen. dann reden wir weiter. und jetzt ab nach Hause. Der Mensch braucht seinen Schlaf.
Die riesige blaue Kugel pulste. Inzwischen hatte die Morgensonne das Regiment übernommen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass das azurblaue Leuchten nun zu verblassen beginnt. Nichts dergleichen. Das Ding intensivierte  von innen proportional zur Zunahme des Lichts von aussen. An diesem Morgen hatte man diesen Umstand noch nicht wahrgenommen. Wohl aber füllte sich der Campo mit Zuschauern. Nur die Obrigkeit liess sich nicht blicken, als hätte man in der Verwaltung ein schlechtes Gewissen, was aber nicht richtig war: Im Rathaus beginnt die „Arbeit“ selten vor halb zehn.
Die blaue Kugel pulste vor sich hin, und die Zuschauer wurden mutiger, traten hinzu, fassten erst vorsichtig, dann beherzt zu, stellten eine glatte Oberfläche und kühle Temperatur fest, weniger als 36,9 Grad, aber mehr als 20, es gibt keine Öffnung, man kann nicht hineinsehen, und die Kugel kann nicht von der Stelle bewegt werden.
Soweit die Highlights. Sie machten rasch die Runde, und das Objekt keinesfalls interessanter. Langeweile breitete sich wie ein Schnupfenvirus  in der Menge aus, und die Abwanderung setzte ein. Der Herdentrieb begann seine Wirkung zu entfalten, und irgendwann wieder zu beenden. Zurückgeblieben war eine gute Handvoll Leute, Kritiker der Kunst oder der Verwaltung, oder ein, zwei Aestheten, die sich am Azur der Kugel, und an ihrer vollendeten Rundheit nicht sattsehen konnten. So verging die Zeit bis gegen 9:20 Uhr, als der Leiter des Ordnungsamts vor dem Rathaus auftauchte. Tragisch für den Mann, dass keiner ihn erkannte. Da stand er nun, beäugte irritiert die blaue Kugel – wusste einfach nicht weiter – dafür kannte er keine Vorschrift. Ein Passant half weiter: Eine blaue Kugel! Der Beamte nickte bestätigend. Wendete sich ab und verschwand im Rathaus.
Hier zeigte sich, er war hellwach. Rasch erledigte er sieben Anrufe, bevor ihm klar wurde, dass keiner der Leitenden  Beamten seine Hand im Spiel hatte. Gegen 10:00 waren alle Beschäftigten befragt, gegen 11:30 auch die Urlauber, Kranken und Blaumacher verhört.
Ziemlich genau um 12 Uhr fasste der Ordungschef das Resultat des Vormittags zusammen: Null. Unmöglich, aber es gab keine Info´s. Man begab sich voller Verzweiflung zur Fensterreihe des Grossen Sitzungssaals und starrte hinaus. Dort unten lag die Kugel, blau pulsierend. Niemand mag es aussprechen: Wer war das? Wer hat uns das angetan? Wie stehen wir jetzt da?
Inzwischen hatte sich die Presse eingefunden, verlangte nach Informationen zum Event; die nennen das so. Der Pressesprecher lud zur Konferenz, und informierte. Keiner der Anwesenden glaubte ihm auch nur ein Wort, obwohl er nur drei Worte gesagt hat: Wir wissen nichts. Man trennte sich unter Tumult und Zanke. Die Zeitungsleute waren sauer.
Draussen hatte man wieder das Prädikat „Kunst“ in Umlauf gebracht. Das nährte bei der Presse den Verdacht von Verschwendung für Objekte eines partei-befreundeten Kugelbildners. Erste Berichte mit solcher Einfärbung wurden in Handies diktiert und landeten direkt im Satz. Die ersten Blätter gifteten. Im Rathaus machte sich Verzweiflung breit – man hatte nichts mehr im Griff. Das geschah häufiger, und niemand hatte sich bisher darüber erregt. Diese neue Situation jedoch … man hatte nicht einmal geschlampt! Man hatte es mit einem unbekannten Gegner zu tun. Man hatte ihnen ein Windei ins Nest gelegt, und keiner hats bemerkt.
Endlich hat einer eine Idee. Der Leiter der Poststelle: Wir müssen so tun, als wüssten wir Bescheid über die Aktion, und als sei alles eine Überraschung für die Stadt, Teil eines Happening-Konzepts, Deckname blue bubbles agency, weltweit tätige Kunstgalerie usw. , das verschaffe erst mal Luft zum Atmen – und der Bürgermeister tritt auf den Plan und erklärt, das wäre Unfug, ginge nicht, und man soll sich endlich an die Arbeit machen. Der Postmann erntete giftige Blicke, weil Intelligenz im Amt als Vergehen gilt. Er trollte sich in seinen Keller und schmiss frustriert ca. 17 kg ungeöffnete Post in den Reisswolf. Interessiert eh keinen, denkt er. Hätte ohnehin keiner gelesen.
Der Pressesprecher lud erneut zur Konferenz, und verkündete des Postmanns Weisheiten als die des Rathauses. Die Folge waren Flüche, Aufstöhnen, Titulierungen wie Vollidioten, führende Nullen, Affentheater, und was wird mit der Kugel? Sie bleibt zunächst am Platze, und der Kulturdezernent habe die Projektleitung übernommen, befinde sich aber auf dem direkten Weg ins Ausland, usw. usf. Völlig eigenständig beantwortete der Pressemann die Frage nach dem Material: Neuer Werkstoff, der Hersteller wird sich dazu noch äussern.  Solcherart  entwickelte Phantasie verdiente lobende Erwähnung; die Nachfrage, was ein Werkstoff sei, konnte gleichfalls zufriedenstellend beantwortet werden: Das ist das Zeugs, aus dem das Ding gemacht ist! Zum Beispiel Blech! Ja, aber die Kugel ist nicht aus Blech! Korrekt, aber Blech ist ein Werkstoff! Nicht Stahl? Doch der auch. Und Stein! Und das Holz, aus dem Dein Kopf gedrechselt ist …. gemurmelte Erschöpfung. Da draussen das Ding – und keiner hier drinnen weiss, was es will ….
Achtzehn Stunden später. Bei der blauen Kugel gibt es plötzlich neue Gesichter. Sie tauchen wie Gespenster auf. BBC,  AFN, AP, NBC, RAI, TASS – Heuschrecken plagen den Campo und seine Anlieger, begierig nach Neuigkeiten für die Seite drei irgendwelcher Blätter, die Dritten Programme, die viertklassige Regenbogen-presse, Informationen kosten Geld, und sie bringen welches, her damit! Wer ist blue bubbles, verdammt nochmal? Raus damit, Ihr Provinzdeppen! Man wurschtelte sich durch, klopfte die Fama fest, gewinnt Zeit – Tage, nicht Stunden!
In der darauffolgenden Nacht – man glaubte sich vor Augenzeugen sicher, versuchte man, die Kugel zu bewegen, sie wennmöglich sogar zu entfernen, sie in einem nahen Steinbruch zwischenzulagern, zu tarnen und zu beobachten. Nichts wars. Das Ding rührte sich nicht von der Stelle. Schweres Ladegerät versagte, Stahlseile rissen, Zahnräder wurden zu Metallspänen zermahlen, Getriebe ruiniert – und kein Millimeter gewonnen. Noch bevor der Bäcker wieder nachsehen kam, hatte man den Spuk beendet.
Inzwischen war das Thema Blaue Kugel zu Tode geritten worden, ein untragbarer Zustand. Der Auslandskorrespondent des ZDF streute deshalb das Gerücht, die Leuchtkraft der Kugel habe sich deutlich gesteigert. Natürlich war dem nicht so, aber es liess sich spekulieren – und die Meute der Medienvertreter war plötzlich auf dem Wege zur Wahrheit. Der Postmann des Rathauses war inzwischen wegen erwiesener Vergehen gegen die Pflicht zur Dummheit so weit gedemütigt worden, dass er dem Vertreter von RAI  UNO einige Wahrheiten steckte. damit war sein eigenes Potemkin´sches Dorf geliefert, die Rathaus-besatzung der weltweiten Lächerlichkeit preisgegeben. Der Postmann shredderte erneut Eingangspost, so um drei Säcke voll. Anschliessend kündigte er seinen Job und richtete eine kleine Nachrichtenagentur ein, die mit Vorliebe frequentiert wurde. Post-Experten haben nun mal fundiertes Insider-Wissen, sind ergiebig, und finanziell nicht verwöhnt.
Wie auch immer: Die azurblaue, pulsierende Kugel war nun wieder interessant geworden. Herkunft unbekannt. Funktion unbekannt. Inneres und Äusseres unbekannt. Mit einem Wort – faszinierend. Objekt für abenteuerlichste Spekulationen. Hartnäckig hielt sich die Vermutung, es handele sich um ein UFO, und man begann Himmelsatlanten zu studieren, Beiträge über Kosmologie zu schreiben, Theorien zu Paralleluniversen aufzufrischen, ja, auch militärisches Material, etwa Radar-Aufzeichnungen zu analysieren. AWACS kreisten über Europa, Interpol searchte weltweit nach Parallelen, und die National Security Agency der USA versuchte, die Energiequelle der Kugel auszuspionieren – die Geheim-Fuzzies der Welt konzentrierten sich auf Siena, füllten die Hotels und frassen die Restaurants leer – big business war angesagt. Die coolen Typen der Stadt fanden das ok, und die Kugel wurde als Glücksfall bezeichnet, und hoffentlich bleibt sie noch eine Weile verfügbar.
Eines Morgens trat ein kleines Mädchen mit seinem Vater an die Kugel heran, fasste sie mit beiden Händen an und hob sie sachte hoch. Nur vier oder fünf Zentimeter, aber man hätte unten eine Wurststulle durchschieben können. Die kleine Anna setzte sie vorsichtig wieder ab und klärte ihren Vater darüber auf, dass diese blaue Kugel garnicht schwer sei. Sie strich sachte über die glatte Oberfläche. Ihr Vater lächelte. Anna fügte hinzu: Sie ist schön! Ich mag sie! Und der Vater lächelte, nickte. Ja, meinte er, sie sei wunderschön.
Die blaue Kugel begann ihre Farbe zu verändern. Sie leutete in Lila, dann in Rot, schliesslich in leuchtendem Gelb, dann  in Weiss. Anna war hingerissen. Ich mag die Kugel, Papa, schau, sie versteht mich! Und so schien es in der Tat. Die weiss pulsierende Kugel wurde kleiner, kleiner und kleiner, schrumpfte zu einem Funken, der plötzlich mit einem Ffffft! himmelwärts sauste und verschwand. Annawar untröstlich. Ihr Papa erklärte, sie müsse schliesslich irgendwann wieder nach Hause reisen, was Anna auch wieder verstehen konnte. Auch sie wollte nun nach Hause, noch ein wenig trauern, und eine grosse blaue Kugel malen, zur Erinnerung.
Die Rathausleute glaubten an einen Traum und wagten nicht aufzuwachen. Sie träumen noch heute.
Der Postmann hatte gut verdient. Er geniesst seinen Vorruhestand; gelegentlich dringt schallendes Gelächter aus seiner Wohnung. Man hält ihn nun für durchgeknallt.
Fernsehen und Presse haben sich noch am selben Tag verzogen. Einen leeren Campo können sie nicht vermarkten. das ganze Thema war ohnehin tot, und das Erlebnis der kleinen Anna ist ihnen völlig entgangen. Aus, vorbei, Werbung!
Und die Kugel? Tja, nicht leicht zu erzählen. Sagen wir einfach, Anna hat unser aller Arsch gerettet. Die Sonde hat Liebe gespürt und ist zum Ergebnis gekommen, dass für die Bewohner dieses Planeten Hoffnung besteht, eine Vernichtung nicht angezeigt ist. So hat sie sich ihre Bombe geschnappt und ihren nächsten Auftrag in Angriff genommen. Dessen Ergebnis haben unsere Astronomen als Supernova in der grossen Magellanschen Wolke registriert.
Es waren noch 17 Stunden bis zum Ende der Welt gewesen, als die kleine Anna mit ihrem Vati den Campo betrat …..
 
Dove son molti, son degli stolti. (Toskanisches Sprichwort)
Wo viele sind, sind auch Dummköpfe.