Weisse Wolken

Zu allen Zeiten, und heute mehr denn je haben sich neue Sprachwelten gebildet, oder bestehende haben sich weiterentwickelt. Ein Beispiel: Die berühmte „Weisse Wolke“, die täglich durch Kliniken schwebt. Ich meine die Arztvisiten, nicht wahr? Diese sechs bis vierzehn Weisskittel-Versorgte, die ihre Stethoskope tragen, wie normale Menschen ihr 475-Gramm- Goldkettchen, verständigen sich nahezu ausschliesslich in einer Fremdsprache.  Der Patient hat anwesend zu sein, auch wenn er nicht weiss, warum. Liegt somit in, oder auf seiner high tech-Schlafmulde (durchgelegen sind die Betten immer!) und hört  diesen Leuten angespannt zu, begierig darauf, einen kompletten Satz mitzukriegen – und seinen Sinn zu verstehen. Wie kann man sich doch freuen, wenn man einen ganzen Halbsatz verstanden hat, etwa in der Art: „ ….. also ich weiss auch nicht so genau, warum Herr Triebelmann ständig von Flatulenzen geplagt wird ….“, weil man endlich weiss, dass die Weissen auch nicht allwissend sind, nicht mal etwas gegen Blähungen zu unternehmen vermögen, ausser Kümmelsud und Baldriantropfen zu verabreichen, worauf schon meine Grossmutter meinen Grossvater verwiesen hat, wenn der beim Absondern eindeutiger Geräusche auf den Verschleiss seiner Kniegelenke hindeutete.

Hat man während einer Chefarzt-Visite irgendetwas kapiert, so wechselt man umgehend aus dem Lager des Patientenmaterials in das Dasein eines Menschen über, für Minuten zumindest. Unbewusst begreift man, dass diese Augenblicke für den Genesungsprozess so wichtig sind wie die tägliche Ladung Medikamente.

Und schliesslich offenbart sich just in dieser Einsicht der Sinn der Arztvisite. Begriffe  wie Bronchialkarzinom, Morbus Crohn und Spinalstenose waren nicht zu vernehmen, und es bleibt somit bei der Erstdiagnose: Offener Splitterbruch des Wadenbeins links.

Wenn sich die weisse Wolke endlich verzogen hat, fragt man sich, wie zum Teufel die es schaffen, sich in der Kantine eine Mahlzeit zu bestellen; haben die Leute an der Essensausgabe alle das grosse Latinum, oder was? Und wie verdammt noch mal heisst eigentlich Erbsensuppe auf klinisch?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.