Man kann über alles schreiben!

Männerwirtschaft auf dem Mond

Wenn ich darüber nachdenke, was mir, einem 79jährigen männlichen Geschlechts gelegentlich durch den Kopf wandert, so beginne ich mich  zu sorgen. Manche Gedanken sind ein wenig abartig, oder sagen wir mal etwas seltsam. Mit einem bedingten Reflex versehen sucht man ebenso dringend wie vergeblich nach der Delete-Taste, um das Andersartige wegzudrücken. Was ich meine? Ich versuche zunächst, die Merkwürdigkeit mit einem Beispiel zu erklären.

Soeben, es ist genau 19:00 Uhr am Abend, Moment …. also eben ging ich am Badezimmer vorbei, und unvermittelt befiel mich die Frage, warum niemand je etwas über extrem nützliches und flüchtiges Utensil  geschrieben hat, nämlich das Klopapier.

Zwischenbemerkung: Wer jetzt weiterliest, sei ohne Sorge – ich widme mich ausschliesslich dem ungenutzten. Obwohl ….. Hundebesitzer  kümmern sich liebevoll um den Hundeköddel auf dem Trottoir, aber vor dem menschlichen schrecken sie zurück. Irrational. Das hat man dem Kleinkind auf dem Töpfchen antrainiert, und der 94jährige Greis leidet noch darunter, sobald seine Verdauung wieder einmal –  nun ja, man kennt das.

Zur Sache: Klopapier ist auch unter dem Namen Toilettenpapier bekannt. Dies sei erwähnt, um Verwechslungen zu vermeiden.

Also: Es lässt sich nicht vermeiden, auch über „kein Klopapier“ zu schreiben. Stellvertretend für eine allseits bekannte prekäre Situationen sei der Wanderer genannt, der die Eifel durchstreift,  das Unvermeidliche erleidet und sich verzweifelt nach einem Ort umschaut, wo ihm grossblättrige Pflanzen zur Hand sein sollten, und doch nur Heidelbeersträucher und hochstämmige Buchen wachsen. Zu Hause lagern 30 Rollen von ALDI, und im Wald befällt den Betroffenen Trübsinn. Nächstes Mal, Rucksack, Papier wiegt ja nichts, und so fort.

Man muss dieses Thema nicht plattieren wie ein Kalbsschnitzel. Dem geneigten Leser sollte die eigene Phantasie – oder die Erfahrung – genügen, um zu begreifen, wo der Hase im Pfeffer liegt..

Wenden wir uns also doch dem Klopapier zu. Zunächst wird definiert, und hierzu Wikipedia bemüht:

Das Toilettenpapier, auch Klopapier oder WCPapier ist ein zur einmaligen Verwendung gedachtes Tissue-Papier zur Reinigung der Ausscheidungsorgane. Es zerfällt in der Kanalisation. Tissuepaper ist feinkreppig und saugfähig. Es wird auch für Tischservietten, Küchen-wischtücher und Papiertaschentücher verwendet. Aha!

Und just an dieser Stelle befällt mich die Erinnerung an meinem Grossvater, einen hervorragenden Möbeltischler. Nach dem Lesen seiner Tageszeitung, das Blatt hiess „Talpost“, zerschnitt er das Blättchen in grosse Rechtecke und stieg eine Aussentreppe zum selbstgebauten Plumpsklo hinauf, um die Papierteile dort auf einen Draht zu spiessen. Ich glaube zu erinnern, er bevorzugte die Seiten mit Politik und Todesanzeigen. Opa zeigte mir, wie man mit seinem Klopapier umgehen sollte. Kurz gesagt: Links und rechts anfassen und das Papierstück zwischen beiden Daumenballen so lange rubbeln, bis es weich oder kaputt war. Dazu referierte er noch kurz zum Thema Druckerschwärze und Händewaschen – das war es dann aber auch.

Ich vergass zu erwähnen: Es war die üble Zeit nach dem 2. Weltkrieg, und selbst die beiden Papierfabriken in der Kommune verfügten nicht über brauchbares Material. Aber bereits 1948 traf man in den Toiletten der Fabriken auf die BUNTE aus dem Burda-Verlag. Interessant zu lesen, aber zum Gebrauch musste man wegen der Papierglätte sehr lange rubbeln.

In den 60er Jahren hatte sich die Lage deutlich verbessert. Wer in dieser Zeit „gedient“ und die rauhen Sitten der Panzergrenadiere und Pioniere erlebt hat, kennt auch das in den Kasernen verwendete Klopapier, das ein Mitarbeiter des Herstellers Feldmühle gutmütig spottend „Servus brutal“ nannte, ein Produkt der Premiummarke SERVUS aus Flensburg.

Selbst heute trifft man in öffentlichen Toiletten diese Rarität an; vermutlich geht man zu Recht davon aus, dass dieses Papier keinesfalls gestohlen wird.

Servus brutal ist wie Schleifband mit 400er Körnung, nur deutlich flexibler, also für harte Kerle gedacht. Oder für Stadtkämmerer mit leeren Kassen. Aber werden wir wieder sachlich.

Das Standardmass für Klopapier ist  ca.100 x 120 mm, 250 Blatt  = 30 m auf eine Papphülse gerollt, und per Perforation zu trennen, wobei Klopapier auf einer Seite garantiert nicht an der Perforation abreisst, sondern  ein  Stück vom nächsten Blatt mitnimmt. Hier gilt, dass schlechte Perforation als verkaufsförderndes Merkmal verstanden werden sollte. Halbperforation steigert den Verbrauch um 25%.

Klopapier wird heute 1-, 2- oder 3-lagig angeboten, auch 4- und 5-lagig wird solches Material in der Luxus-Version angeboten. Die Feuchtversion ist gut verpackt und duftet vor der Benutzung wie ein 7-stöckiges-Freudenhaus.

Zu den Kosten: 96 Rollen 3-lagig hochweiss kosten um 28 Euro. Und ein Testsieger namens Charmin de Luxe liegt bei 33 ct. pro Rolle und ist deshalb der gesellschaftlichen  Oberschicht gewidmet.

Deutschland verbraucht 4 Milliarden Rollen im Jahr und gibt dafür mehr  als 1 Milliarde Euro aus. Hier kommen nun die Schlauberger ins Spiel. Sie kaufen 1-lagig um 17 ct. pro Rolle, reissen 3 Blätter ab und falten sie zu 3-lagigem Klopapier. Damit liegen sie mit 51 ct. pro Rolle in der absoluten Luxusklasse, und haben dennoch keine Herzchen-Prägung im Papier. Ist eine Rolle aufgebraucht, so bleiben sie auf einem Einzelblatt sitzen, müssen eine zweite Rolle verbrauchen, und eine dritte, um den Rest als 3-lagig benutzen zu können. Längeres Nachdenken ergibt: Es ist sinnloses, es ist verteuerndes Sparen, und man rät davon ab.

Ökologisch ausgerichtete Käufer erwerben ein Recycling-Produkt. Es wird aus Altpapier hergestellt, und bleibt ohne Anteile von Frischholzfasern. So bleiben viele Bäume dort, wo sie hingehören: Im Wald, und nicht in den Toiletten. Einige Fahnder haben sich vergebens bemüht, Schwermetalle, Formaldehyd oder  polychlorierte Biphenyle nachzuweisen. Recycling papers sind also durchaus brauchbar, und die Schmirgelwirkung ist deutlich geringer als bei Servus brutal.

Nun muss zum guten Schluss das Schmuck-Klopapier erwähnt werden. Man bekommt Prägungen mit Figuren und mit Texturen wie Leinen. Man kann Bedrucktes kaufen, mit Spontisprüchen, mit Figürchen aus dem Kinderzimmer, oder mit Fotos von Politikern oder der ungeliebten Schwiegermutter. Rotwein-Trinker kaufen das Produkt mit aufgedruckten Bierflaschen, Biertrinker mit Etiketten des Chateau Latour von der Gironde. Die Industrie vermutet, auf diese Weise könne jeder seinem Vergnügen frönen – oder seinen Frust abreagieren, wohlgemerkt: Im Badezimmer und by paper!

Noch ein Hinweis für Snobs: Vergessen Sie Handgeschöpftes! Es hat eine Konsistenz, die der Wellpappe in der Exportversion, als Panzerkarton für seefeste Verpackung empfindlicher Güter gleicht. Vergessen Sie es ganz rasch!