Kulturpessimismus

Eine kulturkritische Betrachtung, die das gegenwärtige Stadium des kulturellen Entwicklungsprozesses einer Gesellschaft als einen in sich logischen und unausweichlichen Verfallsprozess deutet.
 
Oh ja, es sieht nach billiger Effekthascherei aus, versucht man, aus realen Dramen einen Beweis für den fortschreitenden Zerfall unserer Kultur abzuleiten.
Wer aber in diesen lausigen Tagen ein wenig grübelt, das kleine Einmaleins beherrscht, und willens ist, ehrlich zu analysieren, dem kriecht die Angst ins Gedärm. So geschehen bei mir.

Es hat mich einigermassen betroffen gemacht, dass der Bundesinnenminister Waffengesetze verschärfen möchte. Mag sein, dass er dies am besten beherrscht. Mag sein, dass sich in solchen Aktionen seine Fähigkeiten erschöpfen. Man kennt das, und man verübelt es  ihm nicht einmal. Dennoch: Du stehst unmittelbar vor dem Höllentor und wagst es nicht, hindurch zu schreiten – aus Angst, es könnte Dir dort die Wahrheit über den Weg laufen, oder es könnte ein Richter fragen: Was ist Dein Beitrag, Mensch?
Der Innenminister verschärft Gesetze. Damit wird natürlich alles besser. Man muss aus dem rechten Lager kommen, um an Unfug dieser Art  glauben zu können. Aber der Mann muss ja irgendwas tun, nicht wahr? Action! Auch wenns noch so erbärmlich ist!
 
mailto: innenminister@berlin.oje
Minister,
anscheinend sind Sie und Ihre Beamten nicht in der Lage, oder nicht willens, diese schlimme Erfurter Tragödie korrekt aufzuarbeiten. Ich bin in Rente und habe ausreichend Zeit und Musse, das für Sie zu erledigen. Ob Ihnen das passt, oder nicht, ist mir relativ gleichgültig. Lesen Sie einfach weiter, und lernen Sie von Hans Otto Triebelmann!
Der Erfurter Massenmord im Gutenberg-Gymnasium ist ein konsequenter Racheakt eines in seelische Schieflage geratenen jungen Menschen. Gleichartiges ist zu allen Zeiten geschehen, Alltag in einer gewalttätigen Welt.
Der Tod eines Menschen, ja, auch solch sinnloser Tod ist schmerzlich für die Angehörigen. Sie verdienen Rücksichtnahme und Mitgefühl.
Es ist nicht die ganze Nation betroffen. Dies in die Welt zu posaunen ist billige Propaganda.

Die Erfurter Ereignisse werden journalistisch erbarmungslos vermarktet. Sie bringen Einschaltquote und Auflage. Diese Widerwärtigkeit zwingt den Zuschauer und Leser, sich angeekelt abzuwenden. Oder sie animiert zur Suche nach blutigen Bildern im Internet – je nach Veranlagung. Aber sie behindert das Nachdenken.
Gleiches gilt für Politikerreisen nach Erfurt. Betroffenheit mimen oder  – im besten Falle – sentimental werden wird als Imagewerbung erkannt, und besonders in Wahlkampfzeiten korrekt verübelt.
Talkshows im Fernsehn kreisen wie selbstverständlich um dieses Thema. Dort geht man nach der Methode Hühnerhof vor: Scharren an der Oberfläche, und gelegentlich laut gackernd ein Körnchen (Wahrheit?) hochhalten, bekunden, man habe etwas, oder alles erkannt und verstanden. Es werden 2 kluge Bemerkungen in 60 Minuten Geschwätz verpackt geboten.

Wer hat in den letzten 2 Jahrzehnten je den Begriff „Gewalt“ definiert?  Sie auch nicht, Minister! „Keine Zeit, keine Zeit. Muss Gesetze verschärfen!“

Ich meine: Bildung und Erziehung sind in einem wahrlich desolaten Zustand. Benutzen wir doch hilfsweise einige hinlänglich bekannte Klischees, um uns auf die Verifizierung dieser Feststellung vorzuarbeiten.
In den Schulbussen wird tagtäglich randaliert. Schüler terrorisieren ihresgleichen, und Erwachsene: Was willst Du alter Sack hier? Mach, dass Du rauskommst! (O-Ton)
Höflichkeit ist Schwäche. Es werden statt dessen die Ellenbogen gestählt.
In der Schule sitzen mehrheitlich unfähige, faule oder resignierende Lehrkräfte. Ihre Aufgabe ist es nicht, die Kinder zu erziehen. Sie können nicht ersetzen, was die Eltern versäumen.
In den Pausen wird geraucht, gedealt, geraubt, erpresst, genötigt, gesoffen. Drei Elfjährige mit einer Flasche Doppelkorn – Pausenaufsicht findet nicht statt. (Eigenbeobachtung)

Lehrer sind rechtlos, sprachlos, haben ihre Ideale verloren und gehen womöglich mit 45 aufgeraucht in Pension. (Eigenbeobachtung)
Schulbehörden sind blind. Oder sie spielen Blindekuh. Es hat den Stab nicht zu interessieren, wer an der Front draufgeht.
Anmerkung: Ich habe selbst zwei Kinder über die Runden bringen müssen., und Erfahrungen als Schulelternrat gesammelt.

Kultuspolitiker sind oft Ex-Parteifunktionäre; sie sehen den Kulturbetrieb als Selbstläufer, der keine intelligente Politik abverlangt.
Die Bundesregierung ist nicht zuständig. Kultur ist Ländersache.

Das also ist das Klima, in dem Kinder ihre Bildung erhalten, und dafür gute Arbeitsleistungen erbringen sollen, in dem beispielsweise das bekannte PISA-Ergebnis gediehen ist.

Dieses Szenarium existiert. Offenkundig mangelt es allen Verantwortlichen an Vorstellungskraft. Sie sind nicht in der Lage, zu spüren, was sie unseren Kindern mit einem derartig konditionierten Lernangebot antun. Aber sie können jederzeit ansagen, was es kostet.

Kommen wir zur Rolle der Eltern. Sie vernachlässigen ihre erzieherischen Aufgaben. Was geht, wird mit Geld erledigt. Was mit Geld nicht funktioniert, mit Fernsehn. Und was man  weder mit Geld noch mit Fernsehn erledigen kann, das wird durch Grosszügigkeit ausgeglichen. Hauptsache, es herrscht Ruhe im Haus.
Im übrigen sind Eltern froh und glücklich, wenn ihre Kinder sich auf der freien Wildbahn behaupten. Sie haben das „Recht des Stärkeren“ verinnerlicht, wissen, dass Weicheier auf der Strecke bleiben.

Selbst berechtigte Angriffe auf ihre Nachkommen werden mit äusserster Härte abgewehrt. Beliebter Pennäler-Spruch: Das sag ich meinen Eltern, die bringen Dich vor Gericht! (Eigenbeobachtung)

Solcherart gediehene Kinder sind an das Nehmen gewöhnt. Sie nehmen, wo sie Nützliches kriegen können. Auch z. B. Lehrbücher aus der Uni-Bibliothek. Mittlerweile darf man sie getrost als Kotzbrocken bezeichnen.
Man trifft sie in den Unternehmen wieder. Dort wird das Hauen und Stechen fortgesetzt. Schwächere haben gegen sie keine Chance. Sie sind in den Chefetagen gerne gesehen und bilden den Führungsnachwuchs. In ihnen erkennen die Bosse sich selbst.
Oben wird Unfähigkeit durch Gleichgültigkeit gegenüber Mitarbeitern ersetzt. Man übt die Verwendung von Begriffen wie Lean management und Synergieeffekte  morgens vor dem Spiegel. Arbeitsplatzvernichtung statt Umsatz ist in Mode. Das hat Folgen:
Der Vater verliert seinen Job, damit seine Vorbildfunktion, und der Sohn keilt umso mehr, um im Spiel zu bleiben. Einige gewinnen, aber viele verlieren.
Die Politik glänzt durch Abwesenheit, oder sie redet sich mit armseligen Sprüchen um Kopf und Kragen. („Ich bin ein Automann!)

Dies also ist das Klima, in dem soziales Denken und Handeln gedeihen sollen.
Schliesslich die Erfurter Tragödie: Wie um alles in der Welt kann so etwas geschehen? Bei uns in Deutschland! Wo hier doch alles so toll ist! Die ganze Nation ist betroffen! Und die halbe rennt zu Gedenkgottesdiensten.

Ich sagte ja eingangs, ich würde Klischees benutzen. Man muss hier natürlich relativieren. Ich will das nun versuchen, und zugestehen:
Auf jeden negativen Fall kommen drei positive. Es ist die an Stammtischen so beliebte Art zu diskutieren. Einer kennt da einen Fall, und ein anderer zwei andere Fälle. Und alle übersehen das Wichtige:
Auf dem Weg in die soziale Verantwortlichkeit sind zu viele junge Leute auf der Strecke geblieben. Sie sind oft falschen Zielen nachgejagt, haben sie nicht erreicht und bleiben irgendwo desillusioniert, frustriert und ohne neue Perspektive hängen. Verlierer.

Es reichen 25 Prozent irgendwie asozial gepolter Bürger aus, um eine Gesellschaft nachhaltig zu schädigen. Längst ist ein entsprechendes Schneeballsystem in Bewegung gesetzt. Wir registrieren die Folgen, diskutieren die Ursachen, reden und reden, und es scheint unmöglich, den Verfallsprozess anzuhalten.
Wenn Sie nicht gerade Gestze verschärfen müssen, lesen Sie doch mal bei Oswald Spengler nach, in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“.

Noch ein netter Aspekt: Der Mensch verfügt heutzutage über Atomwaffen. Sie bietet die unglaubliche Chance, auf schnellstem Weg einen kulturellen Neuanfang zu organisieren. Blanker Zynismus? Noch. Warten wir´s mal ab. Erinnern Sie sich an die Kubakrise in Jahr 1962? Aha. Natürlich nicht.


Ich grüsse übrigens nur Leute, die ich achte.