Sus scrofa – ein Leben in Freiheit

Wildschweine sind eurasischen Ursprungs und hören auf den lateinischen Namen „Sus scrofa“. Wie Eurasier zu lateinischen Namen gekommen sind, weiss ich leider auch nicht.
 
Ich stelle Dir hier eine typische Wildschwein-Familie vor:
 
Da ist der Boss. Er heisst KEILER und ist von Beruf Vater, Mutterverehrer und Kinderschreck.
 
Nun folgt seine Chefin. Ihr Name lautet BACHE.  Auf Bäurisch nennt man sie auch eine Muttersau.
 
Meist hat sie 8 bis 12 Kinder. Zur Zeit sind es 10. Förster reden immer von FRISCHLINGEN. Ich sage dazu Rischlinge, aber das hat private Gründe.
 
Das ist unsere Wildschweinfamilie, immerhin 12 Mitglieder stark, eine richtige Grossfamilie. Es ist wohl am einfachsten, von VaterS, MutterS und KleineS zu erzählen. Du kannst es Dir denken: S steht immer für „Schwein“!
 
Die FamilieS wohnt im Wald und frisst, was immer ihr vor die Schnauzen kommt. Besonders emsig sind dabei die Rischlinge, weil sie noch klein sind und wachsen müssen.  WildeS lieben Beeren, Pflanzen und Pilze. Läuft ihnen ein kleines Tierchen vors Maul, ein Frosch, 12 Schnecken oder 144 Käfer, so sind sie für den Leckerbissen stets dankbar.  Stossen sie etwa auf eine eingegrabene Leiche, dann wird ein richtiges Festmahl veranstaltet. Unsere WildS sind Allesfresser. Gebildete Menschen nennen diese Gattung auch Omniphage. Sie ernähren sich nach dem Grundsatz: Hauptsache viel, es macht dick und man kann grosse Haufen knöten! Auf diese Weise lassen es sich die Wildschweine im Wald gut gehen, und einmal im Jahr werden neue KleineS 6-12 gemacht.
 
Kommt dann der Winter mit Schnee und Frost, so werden die Zeiten ziemlich hart für unsere Familie. Sogar VaterS hat nun seine Predigten vergessen. Den ganzen Sommer über hat er die Familie genervt mit seinem Spruch: „Bleibt weg vom dunklen Dorf.  Dort wohnen die wilden Menschen! Sie braten Euch in Sahne und Wacholderbeeren und fressen Euch!“
 
Wenn VaterS aber hungert, dann zieht es auch ihn in die Gärten des Dorfs. Es ist halt Grünkohlzeit; zwar ist der Geist willig, aber das Fleisch so schwach.
 
Mit lautem Grunzen fordert er MutterS auf, die KleinenS vor sich herzutreiben. So werden des Nachts die dunklen Menschengärten besucht. VaterS verwendet jetzt eine andere Predigt: Der liebe Gott lässt für alle wachsen!
 
Also ist alles Fressbare nicht mehr sicher. VaterS wird nun richtig waghalsig, obwohl ihm bekannt ist, dass er auf der Abschussliste des örtlichen Jagdvereins ganz oben steht.
 
MutterS hat 6 Seiten des Magazins „Jagd und Hege“ gefressen und weiss darum ganz genau, dass sie nicht erschossen werden darf, wenn sie KleineS bei sich hat. Und diese sind eh geschützt, solange sie sich nicht das Normgewicht angefressen haben.
 
In einer hellen Vollmondnacht ist FamilieS nun in den Küchengarten von Hans Heinrich Lüders, einem Kartoffelbauern, eingebrochen. Vierhundert Quadratmeter Grünkohl luden zur ausgiebigen Grünfutter-Mahlzeit ein. Das hatte Lüders auch geglaubt. Deshalb wachte er argwöhnisch über seinem Lieblingsgemüse – Pech fuer VaterS, wie sich gleich zeigte.
 
So geschah es, dass Hans Heinrich durch allzu laute Fressgeräusche erwachte, nach draussen schlich und seinen Hund von der Kette losmachte. „Los, Sauhund!“ kommandierte er, genauso, wie er  mit Kalle, seinem Erntehelfer immer umspringt.
 
Hasso, der Jagdhund, tat zunächst so, als verstünde er garnichts, legte sich auf die Seite und mimte den Asthmatiker. Das brachte ihm gemäss der allgemeinen Lüders´schen Lebensregeln – Kalle kennt sie schon – einen Tritt ein. Hasso erhob sich und ging erst mal rasch auf Distanz.
 
Schliesslich kam aus Lüders Kreativabteilung das Kommando „Fass!“ . Hasso erschrak. Es war also Krieg, und er sollte eine Schlacht schlagen! Schon kam sein General näher und hob zu einem weiteren Tritt an, aber Hasso war jetzt auf der Hut. Derart angespornt, legte er sich  erst mal in den Grünkohl und wartet ab.
 
VaterS bekam bei Hassos Anblick eine Krise. Er hat in seinem ganzen Leben noch nie einen Hund verstan-den. Hündisch ist Fremdsprache. Hasso wedelte nun mit dem Schwanz. VaterS glaubte daraus zuableiten zu müssen, dass eine Attacke kurz bevorstand. Also würde er sofort angreifen, und  damit die Familie schützen. Angriff sei nun mal die beste Verteidigung. Nur: Reden ist eine Sache, Tun eine andere. Schliesslich hatte er in jungen Jahren einen Zeitungsartikel über die Energie-Masse-Relation gefressen und kannte deshalb dieEinstein-Gleichung  E=mc hoch2 , die er, so oft sich eine Gelegenheit bot, anzuwenden versuchte, obgleich er Wissen als Belastung empfand, triebhemmend, und damit als gefährliche Dummheit. So war das stets, und auch in dieser Nacht. Dennoch war jetzt Action erforderlich.
 
VaterS setzte gemessen seine 330 Kilo in Bewegung,  musste auf Tempo kommen. Das braucht 2 – 3 Umrundungen von irgendwas. Das Irgendwas hiess zur Zeit Hasso. Der lag schon wieder wie hingegossen, nun im Grünkohl, für Lüders unsichtbar geworden, und freute sich. Jou, jou!, dachte er, spielen ist schön, besser als Krieg! Und dann noch mit einem so grossen Hund! Bedächtig ueberlegte er, auf welche Weise er in das Spiel eingreifen könne.
 
Der Bauer war entsetzt. Zwölf Wildschweine im Grünkohl, und der Hund hat sich verpisst!
 
VaterS hatte endlich sein Angriffstempo erreicht. Er schob seine Hauer nach draussen und versuchte, gefährlich auszusehen. MutterS sah´s und kriegte eine Gänsehaut.
 
Hasso verstärkte sein Schwanzwedeln. VaterS sah´s und plante seine erste Attacke. Zur Sicherheit dreht er noch 2 Runden und erhöhte so das Tempo.
 
Dem Bauern Lüders fiel die Pyjamahose über die Knie. Damit war er für den Moment kampfunfähig.
 
Hasso traf eine Entscheidung, nahm Tempo auf und schob sich vor VaterS in den Kreis. Gemeinsam liefen sie einige Runden durch den Grünkohl. Macht Spass!, dachte Hasso! Bei VaterS lösten sich erste Flatulenzen, denn Kohl bläht (ja, auch der!).
 
Bauer Lüders bemerkte dies, als die wilde Jagd endlich dicht bei ihm vorbeikam.  Er verstand nichts mehr, verlor die Fassung  und damit auch sein äusseres Gleichgewicht. Ruecklings landet er in der Petersilie, konnte aber nicht lachen.
 
Mittlerweile hatte Hasso sich daran erinnert, dass er ein Jagdhund ist. Er beschleunigte, und hatte nach 3 weiteren Runden VaterS nicht mehr hinter, sondern vor sich. Genauer, er hatte nun den Hintern von VaterS vor sich. Verhinderte schliesslich mit Mühe eine Überrundung, das hätte VaterS möglicherweise demotiviert.
 
Nach kurzer Zeit liess er sich wieder zurückfallen, bemerkte: Oh Gott! Der grosse Hund hat Grünkohl gefressen! So kann man doch nicht spielen! Hasso mimte nun den Frischluft-Fanatiker und schob sich an die rechte Seite von VaterS.
 
Der hatte urplötzlich genug von dem Blödsinn. Versuchte, aus dem Kreis auszubrechen, erwischt aber den falschen Moment. Aus dem Kreis wurde eine Gerade. Sie führte darum „geradewegs“ auf Nachbars Gartenzaun zu. VaterS wusste, das war keine Hürde. Augen zu, und 330 kg gingen durch den Lattenzaun wie ein Messer durch die Butter. Eine Vollbremsung verursachte drüben eine Bremsspur von etwa 17 Metern. VaterS registrierte Feldsalat, drehte sich um und guckte, ganz Triumph.
 
MutterS war stolz. Strammer Bursche, mein Keiler!, dachte sie.
 
Bauer Lüders sass immer noch in der Petersilie. Von unten wurde es ihm arg kalt. Hasso wollte wieder spielen, darf aber nicht hinüber in Nachbars Garten. Bei ihm machte sich Frust breit.
 
Die KleinenS standen herum und pupten inzwischen auch. Alle zwölf. Helle Töne erfüllten die Nacht.
 
Nun entspannte der Bauer und dachte, er sei im Kino. Psychedelische Kreise vermittelten ihm Erfahrungen, wie man sie sonst nur beim Exstasy-Schlucken gewinnt.
 
VaterS kommandierte: Alles mir nach! Nahm wieder Tempo auf und machte noch ein Loch in Nachbars Zaun. Wollte Hasso nicht mehr begegnen.
 
MutterS zählte rasch ihre Kinder durch – alle da. Also los, Vatern nach!
 
Hasso dachte nun an die Flatulenzen und liess sich wieder umfallen. Der Bauer wollte auch nicht hinterher.
 
In leichtem Galopp verschwand die FamilieS im Wald. War doch noch eine interessante Nacht geworden! MutterS überlegte, dass frisches Gemüse so gesund, sei, und gut für die Kleinen, wegen der Vitamine.
 
Auch Hasso hatte diese Nacht genossen. Toll Jagd gespielt, trotz allem! Hoffentlich kommen die mal wieder! Mit Herrchen geht das lange nicht so gut! Und der riecht schliesslich auch nicht besser …..
 
Hans Heinrich Lüders war nun wieder von dieser Welt. Erhob sich aus der Petersilie und zupfte seinen Pyjama zurecht. So was aber auch. Der ganze Grünkohl ist hin, halb gefressen, halb zertreten und halb geerntet. Für ihn sind auch drei Halbe etwas Ganzes.
 
Die krause Petersilie sieht auch nicht mehr frisch aus. Der Zaun!  Muss Bretter kaufen. Der Nachbar ist ja so pingelig. Wo ist Hasso? Komm her, Burschi! Toll, wie Du die Sau gejagt hast! Gut gemacht! Was man mit einem Tritt alles bewirken kann!
 
Hasso sah sich sein Herrchen an und erinnerte sich sofort an einen Knochen, den er in der Frühe  vergraben hatte. Das wäre jetzt das Richtige. Geht buddeln.
 
Und für den kommenden Tag nahm er sich vor, mit der Nase am Boden unserer Familie in den Wald zu folgen, sollte er von der Kette loskommen. Wärmende Gedanken erfüllten sein Hundehirn: Klasse Typ, der Grosse. Vielleicht kann man da mal Urlaub machen.
 
Überall kehrte nun Ruhe ein. Bauer Lüders hörte während seiner Schadensaufnahme seine Frau schnarchen.
 
FamilieS erreichte bei flotter Gangart rasch ihren Schlaf- und Ruheplatz. VaterS sinnierte noch. Hatte er nun den Feldsalat bei Lüders oder bei seinem Nachbarn gerochen? Wie war das denn bloss noch mal? Mal nachschauen, morgen Nacht. Die KleinenS müssen wieder mitkommen; haben noch viel zu lernen! Kleinigkeit, der morsche Bretterzaun. Wo ich herkomme, stehen richtige, gesunde Bäume!
 
Klasse Nachwuchs. Nicht aus der Ruhe zu bringen. Nie Angst gezeigt. Versager, dieser Hund. Morgen trete ich ihn in die Scholle. Aber Schwanzwedeln hat er drauf, das muss man ihm lassen. Wenn ich sowas mache, bin ich nur wieder  ….  besser, den Tag zu verschlafen!

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