Ein toter Baum erzählt

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es gibt Menschen, die Vorlieben zu Material entwickelt haben.
Es ist das Holz, das mich begeistert. Es ist die Geschichte eines
Holzobjekts, es ist seine Wärme, seine Färbung, die Maserung,
es ist der Geruch frisch geschnittener Bretter!
Und es ist der Respekt vor einem Wesen,
dessen Sprache ich nicht verstehe. Lies dazu
 
https://naturwald-akademie.org/waldwissen/waldtiere-und-pflanzen/baeume-tauschen-sich-aus/
 
Und: Eine Baumscheibe erzählt eine Geschichte in Bilder-Sprache, den Jahresringen. Ein Jahresring besteht aus einem dunklen und einem hellen Ring. Zählt man diese Ringe, so erhält man das Alter des Baums. Wer weiss, wann ein Baum gepflanzt wurde, hat beinahe einen Kalender, welcher mit der Breite der Ringe das Wachstumswetter der einzelnen Jahre preisgibt.
Dieser Luxus entfällt natürlich bei alten Bäumen; ich wünschte, man liesse diese Senioren dort, wo sie hingehören, also nicht auf die Hobelbank, sondern in den Wald.

Epitaph für die toten Bäume:

Fürchte dich nicht, sind die Astern auch alt,
streut der Sturm auch den welkenden Wald
in den Gleichmut des Sees –
die Schönheit wächst aus der engen Gestalt;
sie wurde reif, und mit milder Gewalt
zerbricht sie das alte Gefäß.
 
Sie kommt aus den Bäumen
in mich und in dich,
nicht um zu ruh’n;
der Sommer ward ihr zu feierlich.
Aus vollen Früchten flüchtet sie sich
und steigt aus betäubenden Träumen
arm ins tägliche Tun.

Rainer Maria Rilke

4 Antworten auf “Ein toter Baum erzählt”

  1. Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
    Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
    die sich über die Dinge ziehn.
    Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
    aber versuchen will ich ihn.

    Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
    und ich kreise jahrtausendelang;
    und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
    oder ein großer Gesang.

    Gefällt 2 Personen

Kommentare sind geschlossen.