575 – Cumulonimbus

Wie schon so oft geschehen, gibt der Kalender an, dieser Tag, das Heute sei ein Tag des Donners. Man darf also hoffen, dass es ein Tag der Stille bleiben wird. Man darf sogar annehmen, dass zu Lebzeiten des Jesus an jedem Sonntag die Sonne schien und der Sabbat jeden Freitag zu einem arbeitsfreien Tag veredelte – natürlich nur für die beschnittene Krone der Schöpfung.
Im Jahr 2022, dem laufenden, läuft manches einfach anders. Man erinnere sich nur an das Reizwort „Klimawandel“. Was dabei entsteht, konnte ich heute früh beobachten. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, 3° plus – und leichter Schneefall. Da hängt über mir eine dieser tumben, fetten Cumulonimbus-Wolken, das sind die ganz dicken, und erleichtert sich. Ich, ein wetter-konservativer Mensch mit Sensoren vorn und achtern reagiere irritiert. Starre aus dem Fenster und fühle, dass hier etwas nicht stimmt. Wochenlang liefert man mir Wetter in Grau, also nasskaltes Grausen, und plötzlich schickt man sonnenbestrahlte Schneeflocken!

Ich will das nicht. Nicht so. Wäre es Vulkanasche, weil uns die Eifel um die Ohren fliegt, oder wäre es radioaktiver Fallout, weil die Amis wieder einmal Scheisse bauen, um ihre Wirtschaft zu beleben – nicht wirklich gut, aber immerhin zu verstehen. Aber echter Schnee, eingebettet in Sonnenstrahlen – das ist auch für einen alten Mann neu.

Es ist natürlich unsinnig, hier empfindlich zu reagieren.
Die weissen Flocken enden als Wassertropfen; das ist für sie die Höchststrafe. Würde mir das passieren, ich könnte unsere Badewanne füllen – das wäre imposant. Ein Wassertropfen im Garten ist nicht mal für die kleine braune Wegeameise von Interesse.

Allerdings ….. ein ziemlich böiger, starker Wind lässt die Flocken tanzen oder treibt sie durch die Luft – ein letztes Vergnügen für die weissen Kristalle, bevor eine Flaute sie zu Boden fallen lässt. Vielleicht träumen sie dann im Zerfliessen von Schneemännern und fliegenden Schneebällen …..

574 – Liebe

Sie ist eine Hure.
Sie treibt es mit jedem.
Diese grosse Stadt.
Manchmal erstrahlt sie in Schönheit.
Ein Geschöpf der Nacht ist sie ohnehin, Glanz und Glamour macht sie dann unwiderstehlich.
Nur an grauen Tagen zeigt sie ihre Schattenseiten, freudlos und nahezu häßlich, eine zweite Wahrheit.
Sie wirkt dann träge und ein wenig ordinär und wird nicht unbedingt geliebt, sondern eher verachtet. Nur die Sonne vermag es, gelegentlich einen Rest Schönheit ans Tageslicht zu bringen.
Sie besitzt ein zweites Gesicht, diese Hure. Und dieses zweite Gesicht ist aussergewöhnlich. Es ist eine tiefe Menschlichkeit, verborgen unter ihrem wenig attraktiven Alltag. Sie wahrzunehmen, ist nicht jedermann vergönnt.

573 – Gejammer

Im Jahr 1874 wurde in Böhmen ein Mann geboren, der sich als vielseitiger Schriftsteller einen Namen machte und 1936 starb. Er spottete einst:

„Die Gedankenfreiheit haben wir.
Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.“

Dieser Spruch ist heute nicht mehr aktuell.Er beschönigt in unzulässiger Weise, was vorwiegend CDU-Politiker und „Wirtschaftsführer“ am Ende ihrer Amtszeit zurückliessen: Bockmist in erxzellenter Qualität.
Ein Beispiel gefällig?

Die Lofoten sind eine norwegische Inselgruppe im äussersten Norden Europas. Die Insulaner verfügen mit G 5 über ein Datennetz, das knapp 2.000 mal schneller ist als der deutsche Durchschnitt. Die Chefin eines Unternehmens erzählte, sie habe einen Kunden in DE besucht. Dort stehen für 130 Beschäftigte 3 Computer zur Verfügung. Ihr Vater und sie, also 2 Personen hätten zu Haue 8 Computer in Betrieb. Und sie erklärt, dass sie ohne das schnelle Internet ihren Laden dicht machen könnte. Und DE? „Rückständig!“ meint sie.

Und nun des Spasses wegen ein Blick weit zurück. Da gab es den Konrad Zuse, der von sich behauptete, er sei zu faul für das Rechnen gewesen, und deshalb habe er den allerersten Rechenautomaten, den Z 1 gebaut. Gesunde Basis für die Computerindustrie, wie wir sie heute kennen, war dann allerdings der Z 4, ein voll programmierbarer und technisch sauber konstruierter Rechenautomat. Zuse war von Berlin ins Allgäu umgezogen, hatte einen Job in einer Käserei und mit seinem Z 4 eine grosse Hilfe bei der Abrechnung des Geschäfts mit Milch udn Käseprodukten.
Der Witz: Ganz Deutschland hielt den Mann für einen Spinner. Erst ein Schweizer war intelligent genug, den Wert der Zuse-Erfindung zu erkennen und sich eine solche Maschine bauen zu lassen. Der Weltkrieg II war in vollem Gange.

Böse Zungen behaupten, die deutsche Wirtschaft sei erst um 1982 aufgewacht – geweckt durch den Erfolg des Tischrechners C 64 von Commodore. Das ist Unsinn, denn ich habe bereits in den 70-ern an IBM-Maschinen gearbeitet. Aber sie ist, wie es scheint, leider wieder entschlummert und versucht heute, in 2022 die Augen zu öffnen.
Was ist geschehen? Kanzler Kohl und seine Minister entschieden sich für ein Fernsehnetz, nicht für eines zum Datenverkehr. Er spendierte damit den Arsch- und Tittensendern RTL, Sat.1 und anderen Sendekapazität. Sein Postminister Schwarz-Schilling meint immer noch, diese Entscheidung sei richtig gewesen. Wir Fernseher würden vor Schmerz weinen, wenn wir das TV nicht zur Verfügung hätten; er meint wohl das kommerzielle. Wie auch immer: 16 Jahre vertan, kein Netzausbau. Dann kam die Null der SPD, dieser Schröder. Eine seiner grössten Leistungen war das Ignorieren der Digitalisierung. Weitere 7 Jahre verschlafen. Und dann kamen 16 Jahre Merkel mit Stillstand achtern ran. Das macht insgesamt 39 Jahre Stillstand und unbeholfene, halbherzige, gescheiterte Versuche. Diese Tatsache spricht für sich, nicht wahr?

Der hochqualifizierte Bundesminister ist Jurist, Weinbauer und Organist. Mit etwas Phantasie könnte er in einem eigenen Video-Portal schoppen-saufend musizieren und Paragraphen aus dem Erbrecht vorsingen.
Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr hat seinen Sitz in Berlin, dort in der Invalidenstrasse. Wen wundert es noch, daß nicht viel resp. nichts vorankommt?

572 – Hetze

„Gehen Sie Europens Königen voran. Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit.“So dert Marquis von Posa zu seinem König, Philipp II. von Spanien in Schillers Drama „Don Carlos“.

Die Gedanken waren immer frei. Zur Gefahr für die herrschende Klasse wurden sie, wenn man sie laut ausgesprochen in die Welt trug. Und dies ist nun mal der einzige Weg für Versuche, irgendetwas zu bewegen.

Die Polit-Elite in Großbritannien ist zur Zeit damit beschäftigt, ein neues Gesetz zu installieren. Dieses hat – die Anwendung auf die Spitze getrieben – folgende Auswirkung:

Da ist ein Haushalt, dessen Wasserhahn in der Küche tropft. Der Wohnungsinhaber ruft einen Klempner, der die Dichtungen erneuern soll. Jener Handwerker kommt, und in seinem Gefolge gleich die Polizei. Deren Aufgabe ist, beide, also Hausherrn und Handwerker festzunehmen. Sie werden vor Gericht gestellt und zu drei Jahren Haft verurteilt.
Wie das? Das neue Gesetz verbietet störendes Protestieren und muss auch angewandt werden, wenn nur der Verdacht für ein konspiratives Treffen ausgemacht werden könnte. Klar, den Verdacht kann man jedermann unterschieben, und dies zu tun hat eine abschreckende Wirkung.
Wohlgemerkt: Das ist nun Wirklichkeit in GB. Der Zweck liegt auf der Hand: Unten keine Proteste gegen die Regierung zuzulassen. Der Trend zum Totalitarismus setzt sich fort, und irgendwann werden die Möglichkeiten zur Camouflage nicht mehr ausreichen; dann wird man feststellen müssen, dass die Briten mit Stalin und Xi Linping gleichgezogen haben. Aber sie werden immer noch behaupten, sie hätten Europa die Demokratie gebracht und geflissentlich übersehen, dass diese Herrschaftform bereits im antiken Griechenland erfolgreich praktiziert wurde.

Darf man solches Gerede ignorieren? Ich denke ja, für Menschen, die nur bis zu ihrer eigenen Nasenspitze zu schauen vermögen. Diese Polemik hat eine positive Innenwirkung; sie stärkt den „Nationalstolz“. Dumm nur, dass es neben GB noch einen Rest der Welt gibt, wo man sich über dieses kranke Land GB amüsiert, oder auch ärgert.

Man sollte GB überdachen, alle Häfen und Airports schliessen. Dann hätten wir Europa’s größtes …… na? Genau!

Wie bitte? Die Schotten rauslassen? Wie blöd ist das denn! Dort tragen die Männer Röcke, sie werfen mit Felsbrocken und Baumstämmen um sich, und sie versuchen, Europa mit ihrem Grundnahrungsmittel, dem Haggis zu fluten! Der Deckel bleibt zu. Basta.

571 – Drache

Der Drache ist erwacht, und die Welt hat desinteressiert weggeblickt.

Nun ist er unterwegs und erobert alles, was ihm wertvoll erscheint. Sein zweites Gesicht zeigt er noch immer nur im eigenen Revier: Wer stört, wird beseitigt, und zwar „nachhaltig“.

Dieser Drache hat sich auf den Weg zur Weltherrschaft gemacht. Noch befindet er sich in der Startphase, aber er ist erfolgreich, und er hat leichtes Spiel. Seine Gegner sind schwach. Sein erklärter Gegner ist „der Westen“.

Sobald man darüber nachdenkt, was der westlichen Welt droht, gerät man unweigerlich ins Schwurbeln. Ich möchte nur ungern auf diese Ebene absinken. Aber man darf mit Recht behaupten, dass Gesellschaftssysteme verrecken, wenn sie krank sind. Und unseres ist krank. Eine Binsenwahrheit besagt, dass man aus Scheisse keine Venus kneten kann. Und die politische Führungsebene ist Scheisse. Der Westen ist schwach, weil die prägnanten Charaktermerkmale der Führungsriege Gier, Dummheit, Arroganz und Eitelkeit sind.

Wie sagte man früher? Einigkeit macht stark! Dies ist kein Glaubensbekenntnis, sondern schlicht Wissen. Ebenso gilt, dass die Verweigerung von Zusammenarbeit schwach macht. Leider ist dies unser Ist-Zustand. Xi Linping und seine Berater sind überaus tüchtig und arbeiten hocheffizient – Pragmatiker erster Güte. Und sie sind Chinesen, eine widerliche Rasse, völlig frei von Hemmungen wie Empathie, Mitgefühl etc. Und so hat der Drache leichtes Spiel.

Wer im Kopf nicht völlig verbaut ist, weiss auch um die Schwächen des Drachen, und richtet die Strategie seiner Abwehr danach aus. China ist noch immer in vielerlei Weise vom Westen abhängig. Würde man – auch für den Preis von Schmerzen im eigenen Lager – massiv boykottieren, dann ginge der Drache ein wie eine Primel. Keine Importe aus China! Keine Exporte von Nahrungsmitteln dorthin! Kein Business in den Finanzmärkten!

Was diese selbsternannetn Politiker in diesem Leben nicht mehr begreifen werden, ist die Gewissheit, dass der Umbau der Gesellschaft durch China progressiv vonstatten geht. Jede wichtige Eroberung beschleunigt., denn sie zerstört gewachsene Strukturen.

Dies ist kein politisches Kolleg. Ich habe nur mal so nachgedacht, unter meinem Daunenbett,und vielleicht erkennt man: Der Schreiberling hatte noch keinen morgendlichen Kaffe gehabt.

Drachen, Fantasie, Photoshop

570 – Schwachsinn

Wenn ein Mensch einen Dachschaden hat, so nimmt man an, er sei als Baby einige Male vom Tisch gefallen. Oder so ähnlich. Ich bin geneigt, das zu glauben.

Nun muss man davon ausgehen, dass man nichts Genaues nicht weiss. Macken in der Persönlichkeitsstruktur sind nicht mehr als ein Indiz für die genannte Unfallsituation. Ich selbst scheine auch ein Indiz zu sein. Allerdings bin ich wohl einige Male zu wenig vom Tisch gefallen. Dickes Kind, und so. Mir fehlt eine ganz bestimmte Macke:

Ich bin schwerbehindert und alt, kann nicht mehr Autofahren, laufen schon mal garnicht, sitze also im Haus fest. Wie steht es um meine Freiheit? Zweifellos bin ich Gefangener meiner Probleme, also in hohem Masse unfrei. Dumm nur, daß ich das nicht so empfinde.

Dann kommen die Impfgegner, die alles können, was mir versagt ist, und reklamieren Freiheit, weil sie einen Pieks in den Arm hinnehmen sollen. Und sie sind so unterbelichtet, dass sie denken, sie würden sich gegen den Staat auflehnen, erkennen nicht, dass sich ihr Widerstand gegen die Gemeinschaft der Bürger richtet – oder sie wollen es nicht erkennen.

Ich, ein militanter Atheist bitte unentwegt Euren lieben Gott, er möge Hirn regnen lassen. Ein Witz! Was lässt er regnen? Schaut doch mal genau hin – er trifft die Richtigen mit seinen feuchten Segnungen, aber er lässt Scheisse regnen. Seine grösste Fehlleistung seit der Erschaffung des Menschen.

Und ich stehe staunend und machtlos vis à vis!

569 – Bekenntnis

Nun mache ich es mir wieder mal ganz einfach, indem ich bei Joachim Ringelnatz abkupfere.
Ich habe soeben einige seiner Gedichte erneut gelesen.
Das folgende passt zu mir wie angegossen:

Lieber Gott mit Christussohn,
Ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
Weil meine Eltern Säufer sind.
Verzeih mir, daß ich gähne.
Beschütze mich in meiner Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot
Und schenk der Oma Zähne.

Es ist gewiss vermessen, aber ich habe das Gebet ein wenig erweitert, wegen der Nachhaltigkeit, die heute so sehr en vogue ist. Ringelnatz möge mir verzeihen.

Und wenn ich erst mal achtzehn bin,
und zieht es mich zu Mädchen hin,
dann werde ich nicht mehr beten
Beichtstühle nicht betreten.
Der Meßwein wird mir leichte Beute,
der Klingelbeutel ist’s schon heute.
Der liebe Gott hat alle lieb.
Dich, und auch mich, den Kirchendieb.

Ich schreibe das in eigener Sache.
Einer meiner Vorfahren,
ein Ur-Onkel übte zwei Berufe aus.
Er hat Kirchenmöbel gebaut
und war ein Kirchendieb.

568 – Nabelschau

Was ich am Schreiben hasse, ist das Lesen.
Doch, das geht zusammen.
Ich meine natürlich das Korrekturlesen.

Ernsthafte Schreiber sprechen davon, einen Text zu bearbeiten.
Es ist klar erkennbar, warum mich das Lesen so anstrengt.
Bearbeiten meint „Arbeit“. Und das ist nicht unbedingt meine Sache.
Ich möchte Vergnügen, keine Maloche. Es ist der Hedonismus in mir.

Und so geschieht es, dass ich lese: XYZ gefällt „236 – Wermut“.
Und ich überlege. Habe ich über Wermut geschrieben, oder
über Wehmut? Ich habe keine Erinnerung dazu. Nichts passt.

Also blättere ich in meinem Kram, finde den Wermut und lese.
Ich lese, um zu finden. Es ist mehr eine Suche. Und was ich finde,
geht mir so was von auf den Senkel! Tippfehler satt, Brüche im Gedankenfluss,
ordinäre Ausdrucksweise, abrupte Themenwechsel,
Überlängen bis hin zum Gelaber, belangloses Gequatsche
nach Art der Politiker, wenn sie mir vehement erklären, dass am Abend mit zunehmender Dunkelheit gerechnet werden muss – kurz:
Ich hab‘ das alles drauf, weiss das, und schicke verbalen Müll an meinen Blog.
Das ist frech. Und es ist mir gleichgültig.
Wenn dann jemand ankommt und den Murks liest, so mag der Eindruck
entstehen, ich sei ein wenig irre. Vielleicht sind im Oberstübchen
meine Scheitellappen ausgetrocknet, und die Temporallappen
stehen unter Wasser – oder ich bin einfach ein gewissenloser Hund,
der Qualität fordert, aber nicht liefert.

Ja, so bin ich.

Und nun? Macht dieser Schrieb irgendeinen Sinn? Ist es eine einfache Erklärung für Qualitätsmängel? Ist es Nabelschau? Eine fette Spur Narzissmus? Oder Masochismus?
Oder ist es eine Scharade, eine Farce, hinter der sich eine bestimmte Absicht verbirgt?

Leuten, die bis hierhin gelesen haben, komme ich nun frech:
Sucht Euch was aus, oder ignoriert das Ganze.

Ein gesunder Mensch muss sich nun fragen, was der Scheiß hier soll,
und das mit Recht. So etwas braucht man so dringend wie ein Furunkel am Hintern.
Für mich ist es allerdings nicht so sinnlos, wie es scheint.
Da ist eine Kernaussage: Ich mute Lesern ungerührt eine schlechte Qualität zu. Aber mir selbst möchte ich das nicht zugestehen. Es ärgert mich, wenn ich einen meiner schlechten Texte zu fassen kriege, und es kann dabei geschehen, dass ich eine Leiche schön mache. Aus Prinzip. Aber ich bin zu faul zum Korrekturlesen.

Und da ist eine nützliche Funktion dieses – zugegeben lächerlichen – Textes. Ich hab‘ wieder was zum Hochladen!
Wie oft das doch geschieht, dass sich ein Berg (ich) in Krämpfen dreht und windet, nur um eine Maus (Text) zu gebären!

567 – Wachstum

Es macht mir Freude, Menschen zu ergreifen und vor einen grossen Spiegel zu zerren. Natürlich ist die Freude nur auf meiner Seite zu spüren. Vorgeführt werden ist äußerst unangenehm, und Vorführen ist unanständig. Ich weiss das. Deshalb nehme ich mir immer dieselbe Person vor, denn sie hat sich an meine Macke gewöhnt. Wie? Richtig, ich nehme mich selbst. Man weiss schliesslich, was sich gehört.

Wenn es mal wieder so weit gekommen ist, stehe ich also in meiner Schlafbutze vor dem großen Spiegel eines leeren Kleiderschranks, und bin ein wenig verzweifelt. Unweigerlich lande ich in meiner Vergangenheit und bei der Frage, wann der Prozess gestartet wurde, der mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin, und wem ich das zu verdanken habe. Die Antwort ist dann immer die Gleiche: Es begann 1960, und schuldig sind meine Mutter und Frau Sterz. Die haben mich gemästet wie ein Schwein.
Tatort war die Werksküche einer Papierfabrik, wo beide Frauen für die Belegschaft kochten. Es gab in dieser Küche ein eisernes Gesetz: Essen in ausreichender Menge gab es erst für mich – dann erst für die Belegschaft. Frau Sterz hat das konsequent durchgezogen. Das bedeutete, dass ich eine Ferkelmast erlebte, als nach Kriegsende nahezu alle hungerten und zum Lebensmittel-Betteln bei den Bauern unterwegs waren. Ich habe nie Hunger kennengelernt.

Es kam, wie es kommen musste. Ich wurde eingeschult, und meine Mutter setzte die Mast fort. Gries, Milchreis, Pudding in den Standardfarbei Rosa, Gelb, Weiss und Braun waren an der Tagesordnung. Es müssen 14 Jahre gewesen sein, die mich zum Gourmand gemacht haben. Pfälzer Hausmannskost (in Japan vermutlich verboten), Kuchen, Süsses – ich wuchs und wuchs und hatte immer Normalgewicht ….. bis ich mit 20 auswanderte. Die körperlichen Aktivitäten waren auf das Nötigste reduziert, der Job hatte Vorrang, und für das Essen galt: Es muss gut sein, und es muss viel sein. Die Konsequenz: Ich wuchs weiter und wuchs – in die Breite.

Mittlerweile habe ich das im Griff. Aber der Witzfigur, die mich aus dem Spiegel so blöde angrinst, möchte ich irgendwann mal richtig in die Schnauze hauen. Dabei ist diese Figur nur bedingt schuldig; die Konditionierung für Fressucht fand in den ersten 14 Lebensjahren statt.

Und nun habe ich meine letzten 14 Lebensjahre begonnen, und damit auch den Altersstarrsinn. Verdammt, ich esse keine Wurst! Ich weiss, wie sie gemacht wird!
Ich will Erprobtes auf dem Teller! Und Qualität! Qualitääät ! Mögen die Japse unsere Tangwälder wegfressen, ich esse keinen Kelp, auch wenn man ihn Laminariales nennt, oder Fingertang ! Hast Du schon mal Möweneier gegessen? Ich ja! Eine harte Prüfung. Das schult!
Darum gilt für mich: Da kommt etwas aus dem Meer. Sieht es nach Seelachs aus – ok.
Muschel oder Krustentier? Matjes? Ok. Zuchtlachs aus Norwegen? Mögen unsere Katzen, und was die fressen, fresse ich nicht. Nein, auch nicht aus einem Fressnapf diser behaarten Biester. Und alles andere – forget it!

Je m’apelle Roland! Et je mange comme quatre. (Tut mir leid. Ist auch so eine Macke, mein nahezu leeres Dictionaire zu durchsuchen, um einen Satz in Franz. zu bilden. Dann wird nachgeschaut, ob’s richtig sein könnte.)
Übersetzt ist es simpel, also mein Niveau:
Ich heisse Roland. Und ich esse für (wie) vier.

In Kiew am Flughafen bin ich mit Franz. gescheitert. Ich wollte einem Franzosen erklären, er solle seine Reisetasche aufräumen, weil eine Unterhose raushing. Die gute alte Zeichensprache hatte mir weitergeholfen. Aber Spass hatten wir beide dabei.

Dumme Sache. Heute weiss ich, dass la culotte eine drieviertel lange, und le calecon eine kurze Unterhose sind. Falls Du das mal brauchst, im Boudoir einer Première dame …..

566 – Nööö !

Nein, heute nicht.
Ich habe einfach keine Lust zu schreiben.
Irgendwie hänge ich über einer Leine,
wie eine Unterhose,
also gewaschen, durch einen Weichspüler gezogen
und vor allem leer.
Ich weiss nicht, ob Du das so kennst.
Es rührt sich einfach nichts.

Anders, wenn ich mich fühle
wie durchgekaut und ausgespuckt.
Dann fühlt man sich hilflos,
das demütigt und macht Stimmung.
Der Haken bei der Sache:
Bleibst Du kleben,
dann ist’s für die Ewigkeit.
Wie ein Kaugummi eben.
Imn diesem Zustand entstehen Ehen.

Heute haben sich beide Zustände
in mir getroffen
und sich zusammengeschlossen.
Das Ergebnis ist bleierne Müdigkeit.

562 – Klingen

Vorsicht! Hier geht es nicht um Klänge, sondern um Klingen, jene Teile von Messern, die Löcher machen!

Falsch begonnen. Es geht um Taschenmesser. Ich gestehe vorneweg: Ohne ein Taschenmesser gehe ich nicht aus dem Haus. Nur bei Flugreisen musste ich irgendwann auf meine Bewaffnung verzichten. Bein Securitycheck fand sich in meiner Hosentasche ein Messerchen mit einer 6 cm-Klinge. Das reichte, um mich abzuführen und bis in die Unterhose abzusuchen. Da konnten ja irgendwo noch 3 Handgranaten baumeln! Es brauchte 3 Polizisten für diesen Job, und einer davon war hochgefährdet, denn er musste eine kleine Maschinenpistole halten, die sah wie eine Uzi aus, und die sind angeblich ziemlich giftig!

Als mich die Staatsmacht aus ihren Krallen ließ, war mein Flieger weg. Klar, die warten nicht auf entwaffnete Terroristen. Ich buchte also um und erwischte einen Platz auf der letzten Maschine nach Hamburg. Der Bock war nur halbvoll, und ich machte es mir in der Holzklasse gemütlich. Dann kam eine Flugbegleiterin vorbei, fragte nach, wie es mir geht, und ich erzählte – mittlerweile belustigt – mein Erlebnis in Schwechat, dem Wiener Flughafen. Plötzlich sagte dieses Mädel: „Wissen Sie was? Heute ist Ihr Glückstag! Kommen Sie mit, Sie fliegen jetzt erstklassig nach Hamburg!“
So etwas muss man mir nicht zweimal sagen. Ich wurde knapp zwei Stunden lang richtig verwöhnt. Das ist mal korrekt eine ausgleichende Gerechtigkeit, dachte ich. Nur war mein Taschenmesser weg. Ich hatte jedoch kein Verlustgefühl. Das Teil war weniger ein Messer, sondern eher eine Krankheit.

Ok, ich bin wieder in meiner Spur. Schon mein Vater sagte immer: Ein Mann hat ein Messer im Sack! Letzteres ist Dialekt und meint Hosentasche. Ich gehorchte – was selten vorkam. Und ich habe das Messer-Virus auf meinen Sohn übertragen. So geschah es, dass wir beide ein Einhand-Taschenmesser trugen, das nach dem Kriegswaffen-Kontrollgesetz nicht in der Öffentlichkeit benutzt werden darf – weil man es heimtückisch, also unbemerkt mit einer Hand aufklappen kann. Es sind Keramikmesser in Schwarz (auch das noch) mit einer 8 cm-Klinge, ist extrem flach gebaut, und sie riechen nach Tod.

Ich habe mittlerweile umgerüstet. Trage nun ein Guiole-Messer mit 10 cm-Klinge und Griffschalen aus subfossiler Mooreiche. Das Holz ist rabenschwarz, eisenhart und zwischen 600 und 8.500 Jahren alt. Das Messer ist handgefertigt, schneidet französisch und wurde einst für Rinder-Hirten entwickelt. Die brauchten etwas Gutes, um Bullen zu kastrieren, oder einem Nachbarn Manieren beizubringen; man weiss ja, wie das Leben so spielt. Ein solches Messer zu tragen ist nun wieder nicht illegal.

An meinem Schreibtisch bin ich übrigens schwer bewaffnet. Hier gibt es für Obst und ähnliches das schwarze Einhand-Messer, für Grobes ein Austernmesser, und für alles und überall das Guiole-Ding. Dann findet sich in meiner Stube noch ein mittelalterlicher Schmuckdolch, der eher einem Kurzschwert ähnelt als einem Messer, was aber keine Rolle spielt. Auf diesem kuriosen Teil hängt mein Stroh-Hut und wartet auf Sommersonne.

Es ist klug, erst garnicht in unsere Küche zu schauen. Die ist ein Kapitel für sich.

So. Kann sein, Du denkst nun, ich hätte eine Macke.
Das ist in Ordnung.
Hab‘ ich. Na und?

561 – Rätsel

Endlich habe ich mir einige Haikus grosser japanischer Meister wie Issu und Basho genauer angesehen, um herauszufinden, nach welcher Vorschrift man diese Kurzgedichte schreiben muss, um vermuten zu können, man habe es geschafft und sei befähigt.

Ich habe fünf Anforderungen herausgefunden.

Das ist die 5 – 7 – 5 – Silben-Regel unbedingt zu beachten. Wenn wir deren Übersetzung in die deutsche Sprache lesen, finden wir sie natürlich nicht mehr.

Die Kernaussage wird sehr verschlüsselt präsentiert. Nichts steht für sich, alles hat eine Aussage zu anderem.

Ein Muss ist das „kigo“, ein versteckter Hinweis auf Jahreszeiten.

Die kurze, dritte Zeile korrespondiert nicht direkt mit dem Inhalt von Zeile 1 und 2.

Meisterlich wird ein Haiku durch ein „kireji“, ein einschneidendes Wort, das Überraschung zu erzeugen vermag; gehört aber nicht zu den Pflichten.

Demnach müsste mein folgendes Haiku schon als solches akzeptabel sein:

Verloren am Herd.
Der Wind trägt viel Gutes fort.
Äpfel sind Freunde.

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