Absturz

Die Phantasie liefert Bilder,
aus denen Träume entstehen.
Und die Wirklichkeit
vernichtet Träume und bietet den Acker an,
auf dem wahres Leben gedeiht.

Das Monster Zantedeschia

Sie ist schon ein zähes Luder, diese Calla zantedeschia. Ich nenne sie nur Calla; sie nimmt das ungerührt hin. Gelegentlich unterbreche ich meinen Gang in die Küche, bleibe bei ihr stehen und schaue sie mir an, wie sie in dem riesigen gelben Kübel eine Flur-Ecke ausfüllt und scheinbar auf mich wartet. Sie ist die einzige Überlebende einer Phase des Sterbens von allem, was grün war. Grünzeug ist mit dem Tod meiner Frau ebenfalls den Weg allen Irdischen gegangen – so die offizielle Lesart. Hinter vorgehaltener Hand redet man allerdings über mich, und dass ich keinen grünen Daumen besässe. Darum hätte alles Grüne still vor sich hin kompostiert. Ich sage dazu nichts, ausser: Schaut Euch meine Calla an! Sie überlebt, versucht sogar zu blühen. Das gelingt ihr zwar nicht immer, aber es zählt der Versuch, und darum schütte ich gelegentlich Wasser an sie. Nein, nicht aus Überzeugung. Ich tue das, weil es sich so gehört, und weil ich Durst sehr gut kenne, ohne allerdings zu wissen, ob diese Pflanze leidensfähig ist. Häufig produziert sie braune Blätter, die ich dann wieder herauspflücken muss, damit vorbeischauende Pflanzenmütter nicht in Tränen zerfliessen. Ob sich mit dürren braunen Blättern so etwas wie Leiden äussert, kann ich nicht beurteilen. Es könnte sich auch um eine Alterserscheinung handeln, wie mein eigener Hals unterhalb des Kinns unmissverständlich andeutet.

Die Calla und ich! Oft genug wollte ich Verrat begehen, indem ich sie im Schutz der Dunkelheit der Mülltonne anvertraue. Genauso oft stand ich vor dem Kübel und habe mit Calla geredet wie mit einem kranken Gaul; Streicheln habe ich allerdings unterlassen – vielleicht macht sie, dieses Aronstab-Gewächs Pickel oder ähnlich Unerfreuliches. Natürlich schweigt sie beharrlich, steht aber voll im Saft und signalisiert mir damit, dass sie mit mir noch nicht fertig ist. Wenn mir dies bewusst wird, erfasst mich ein Gefühl, das ich nur als Feindseligkeit empfinden kann. Dieses Ding da ….. dieses Ding ….. wenn ich dürfte, wie ich möchte und könnte – ich würde sie glatt an eine Kuh verfüttern!

Bin ich schizo?

Altpapier

Ich denke immer noch, man könne über alles schreiben, nur nicht immer gut. Deshalb hatte ich mir meine Kaffeebecher vorgenommen. Dieser Nonsense konveniert nicht? Das ist so völlig in Ordnung.

Man kann über alles schreiben. Für heute hatte ich mir vorgenommen, einen Härtetest durchzuführen, indem ich über einen Papierfetzen schreibe und erst damit aufhöre, wenn ich eine Seite A4 geschafft habe.

Nööö. Das will kein Mensch lesen. Trockener Stoff, das Papier. Vermutlich wird das Interesse an einem Papierfetzen nicht grösser, wenn ich ihn nass mache. So geht es also nicht. Nun habe ich mich zur Kurzform entschlossen. Ein Haiku:

Die BILD in Fetzen.
So wird Kultur vernichtet.
Fünf Kinder lachen.

Fehlleistung!

Seit vielen Jahren ist meine Familie im Besitz eines Kaffebechers aus der Kantine des Headquarter eines US-Schlapphüte-Vereins. Dies hier auszubreiten ist eigentlich eine Dummheit, da jeder weiss: Die Schlapphüte kontrollieren auch das Internet. Und es kann sein, dass die immer noch nach ihrem vermissten Kaffeebecher suchen. Wie auch immer: Heute fiel mir dieses Geschirr wieder einmal in die Hände, und ich finde das Stück so bemerkenswert, dass ich kurz davon erzähle. Was also ist dran, an diesem Kaffeebecher? Du glaubst es nicht. Ich stellte fest, dass der Becher oben geschlossen ist. Komplett zu. Statt dessen hat das Ding keinen Boden. Unten ist er also komplett offen. Genau wie dem Schlapp sein Hut. Kannst Du das glauben? Was hat sich der Geschirrdesigner dabei wohl gedacht?

Natürlich habe ich meinen Bestand an Kaffeebechern umgehend kontrolliert. Verdächtig erschienen mir die Trümmer von Starbucks. Der Laden macht im Jahr mehr als 24 Milliarden USD Umsatz und zahlen so ungern Steuern. Ihre Kaffeebecher sind allerdings üppig. Geworfen sind sie tödlich, und der Henkel ist nicht als solcher zu bezeichnen, sondern als Krankheit, mithin ein Angriff auf die Hand, die ihn halten soll. Wie aller Mist ist dieses Geschirr in China gefertigt.

Auch wenn Macau draufsteht – ich fasse solche Dinger nur im Notfall an. Mein Standardgerät kommt aus England, ist ein Handschmeichler, und mit dem Union Jack dekoriert. So werde ich täglich an den Brexit erinnert, und wenn die Briten endlich weg sind, werde ich das freudige Ereignis mit einem 3-fachen Single Malt feiern, den ich genau aus diesem Kaffeebecher trinke. Ohne Milch. Ich freue mich auf das Bild: Die EU im Kreißsaal (engl delivery room), gebiert Grossbritannien unter Schmerzen, und knurrt die Hebamme an: Weg mit dem Bankert!
Verdammte Missgeburt! Soll sich Uncle Donald drum kümmern!

Moment mal, ich war doch beim Kaffeebecher ….. ich wollte zu dem Schlapphüte-Becher nur noch anmerken: Wenn man ihn umdreht, kann man ihn ganz normal benutzen. Ich hab’s ausprobiert.

Warum erzähle ich diesen Unsinn? Nun, heute früh beim Geschirrabwaschen wollte ich in den Becher reinfassen, was nicht ging, weil geschlossen, und ich brauchte einen Moment, bis ich verstand: Umdrehen, Du Hirni! Und nein, so etwas belastet mich keinesfalls. Ich schaute einem Arbeitskollegen genüsslich zu, wie er verträumt seinen Kaffee in seinen Aschenbecher goss; die Gute war nicht 80, sondern 30 Jahre alt!

Ein Blick hinter die Kulisse

Was auch immer ich an Haut zeige – es hat die Farbe jenes Kriechtiers, das nicht ans Tageslicht kommt, unter der Erde im Wasser lebt und ganz schlechtes Sehvermögen besitzt – der Grotten-Olm. Ich habe keinerlei Bedürfnis, die Sonne zu sehen, sondern bin mit Licht gut versorgt, solange die Lampe im Kühlschrank brennt und eine Chorizo-Wurst gut ausleuchtet. Natürlich bin ich bemüht, mein Erscheinungebild zu komplettieren, indem ich bevorzugt schwarze Klamotten trage. Schaue aus wie ein Mehlwurm in Trauer. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, eher gespenstisch zu wirken, und dies selbst dann, wenn ich in der Nacht in dunklen Räumen nach Delikatessen oder Naschwerk suche. Ansonsten geht hier das Gerücht, dass ich nicht in Betten schlafe, sondern von der Zimmerdecke kopfüber abhänge und schnarche.

Derartige Gerüchte lassen mich kalt. Ich weiss, wer und was ich bin, aber keinesfalls Dracula oder einer aus seiner Verwandtschaft. Ich nasche keine Stubenfliegen, sondern die Schoko-Riesenbonbons von Firma XXX (Produktplacements nur gegen Entgelt), und Blutwurst war noch nie mein Ding. Aber leider ist es mir nicht gelungen, die Nachbarn von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen – sie meiden mich wie der Teufel das Weihwasser. Das mag daran liegen, dass sie die Finsternis meiner Höhle nicht gerade schätzen und beharrlich auf Sommersonnentage stehen. Wenn ich das Bedürfnis verspüre, mit ihnen einige Worte zu wechseln, so muss ich das Haus verlassen und mich durch die Helligkeit des Tags quälen. Das ist nicht gerade angenehm für mich, mit meinem durch Herpes-Viren geschädigten Trigeminus-Nerv. Zugegeben, mit Sonnenbrille sehe ich ein wenig aus wie ein Mafioso der ‚Ndrangheta aus Calabrien. Wenn ich dann noch mein Taschenmesser aufklappe und den Griff aus fossiler Moor-Eiche spielerisch über dem Handteller kreisen lasse, sehe ich gefährlich aus. Aber nur bis zur nächsten Windboe. Dann schwankt der „Baum“, als hätte ihn ein Tornado erwischt, und er muss sich am Briefkasten festhalten.

Wenn ich in Anfällen von Spendierlaune ein Bier anbiete, kriege ich meist eine Absage. Die Menschen von nebenan wissen, dass man bei mir kein Flens in der Beugelbuddel bekommt, sondern ein dänisches Starkbier in Dosen. Ich stimme den Nachbarn zu. Bier aus der Dose trinken ist für Proleten und ihre Epigonen gedacht, nicht für zivilisierte Menschen. Und genau darum, und damit ich keine Gläser abwaschen muss, trinke ich für gewöhnlich ein Bier aus der Blechkanne. Besser gesagt, ich versuche es. Meist schütte ich mir dabei den ersten Schluck in den Kragen. Ich bin eh ein grosser Schütter. Neulich habe ich mir aus Versehen am Wasserhahn in der Küche kaltes Wasser in den rechten Ärmel meiner Vlies-Jacke gegossen. Das war so schockierend, dass ich für 15 Minuten die Sprache verloren hatte. Ehrlich, das geht! Ich kann das!

Zyklus

Geburt, Leben, Sterben, Tod – das ist der natürliche Zyklus der Existenz von allem Lebenden, das unseren Planeten bewohnt, sei es der Mensch, die Ameise oder die Butterblume. Die Liste kluger Leute, die zum eigenen und zum Trost Fremder ihre Gedanken dazu aufgeschrieben haben, scheint endlos.

Alle Menschen sind von Geburt aus gleich.


Thomas Jefferson (1743 – 1826), US-amerikanischer Jurist, Gutsbesitzer und 3. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, verfasste die Unabhängigkeitserklärung

Die Geburt bringt nur das Sein zur Welt; die Person wird im Leben erschaffen.


Théodore Simon Jouffroy (1796 – 1842), französischer Philosoph

Jeder sollte all das werden können, wozu er bei der Geburt die Fähigkeiten mitbekommen hat.


Thomas Carlyle (1795 – 1881), schottischer Philosoph, Historiker, Essayist, Geschichtsschreiber und sozialpolitischer Schriftsteller

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Das Leben ist die Kategorie der Möglichkeit. Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.


Friedrich Hebbel (1813 – 1863), Christian Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker

Nicht Dinge geben dem Leben Sinn, sondern Menschen.


© Helmut Glaßl (*1950), Dipl.-Ing., Maler, Aphoristiker

Mit Taten sei ein Leben erfüllt, nicht mit untätigen Jahren.


Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), eigentlich Publius Ovidius Naso, römischer Epiker

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Der reine Wahnsinn, wie ein armer Teufel zu leben und reich zu sterben.


William Shakespeare (1564 – 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter

So möcht‘ ich sterben, selig vor Lust.


Petronius Gajus Arbiter (10 – 66 (Freitod)), römischer realistisch-satirischer Dichter auch derb-erotischer Prosa, Günstling Neros

Zum Leben stärkt Klugheit, zum Sterben Weisheit.


Alois Essigmann (1878 – 1937), österreichischer Schriftsteller

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Unsterblich allein ist der Tod.


Römisches Sprichwort

Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit.


Maximilien de Robespierre (1758 – 1794 (hingerichtet)), getauft als Maximilien-François-Marie-Isidore, fanatischer französischer Jakobiner, führte die Schreckensherrschaft zum Höhepunkt

Der Tod heißt, nicht zu existieren.


Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.), genannt Seneca der Jüngere; römischer Philosoph, Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker; Selbsttötung auf Geheiß seines ehem. Schülers Nero (Römischer Kaiser von 54 – 68)

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Durch die Zeit

Wieder einmal gehe ich eine Strasse entlang, die sich in vielen flachen und einigen gefährlichen Kurven durch eine bunte Landschaft windet. Sie bietet mir Bilder an, die ich bereits kenne, die Gefühle wecken und sie ist mir deshalb seltsam vertraut. Leichten Schrittes durchwandere ich eine Szenerie, die aus Erinnerungen gebaut sein könnte. Nichts belastet meinen Weg, nichts drängt zur Eile, und ich bin frei. Manche der Bilder verführen dazu, inne zu halten und zu geniessen. Es sind wenige Werke, aber sie sind aussergewöhnlich, grosse Werke eines grossen Künstlers. Schliesslich bemerke ich, dass meine Schritte immer schneller werden. Ich durchwandere nun Bilder, die ich aus eigenem Erleben kenne. Es ist an der Zeit, nachzudenken, was gerade mit mir geschieht. Und ich stelle fest, dass ich Zeit erlebe, und ich weiss nun, dass ich mich in meiner eigenen Vergangenheit bewege. Aber ich weiss nicht, wer oder was mich auf diesen Weg gebracht hat. Noch während ich über dieses Rätsel nachdenke, fesselt mich ein neues Bild. Ich betrachte mich selbst, und es ist ein Blick wie in einen grossen Spiegel. Ohne Zweifel bin ich nun in der Gegenwart angekommen. Wir beide schauen uns an, und ein leichtes Lächeln macht sich in den Gesichtern breit. Ein Instinkt fordert nun einen weiteren Blick auf meine Strasse. Ich weiss, es ist ein Blick in die Zukunft, und ich weiss auch, dass sie sich vor mir verbirgt. Die Strasse verläuft frei von Kurven und ohne Bilder bis zum Horizont, und vermutlich darüber hinaus – öde und nichtssagend. Ich blicke in den „Spiegel“. Auch hier wird mir meine Strasse gezeigt. Anders als in meiner Realität endet sie nicht am Horizont, sondern sehr viel früher. An irgendeinem Punkt in meiner nahen Zukunft wird mein Weg enden, und das Bild sagt mir, dass hinter diesem Ende nichts zu erwarten sei.

Ich habe nun die Gewissheit, dass mir mein Weg über diese Strasse mein Leben gezeigt hat.
Das Leben ist der Künstler, der grossartige Bilder hervorbringt. Dazu zähle ich auch jenes Bild, das ein baldiges Ende meines Wegs durch die Zeit vorhersagt. Man könnte meinen, es sei von existentieller Bedeutung für mich …..

Ein altes Haus

Wieder und wieder schaue ich mir dieses Bild an. Der Grund? Ich weiss es nicht. Ich sehe eine Ruine, zerstörtes Menschenwerk in einem Tal, das sich mit einer Drohung zu füllen scheint, wo sich Nebel und Geister verbünden, um mich zu warnen: Bleibe, wo Du bist! Dieser Ort hier ist längst unser Revier, und wir wünschen Deine Gesellschaft nicht. Heute nicht, und nicht hier!

So könnte es sein. Aber ich glaube nicht an eine Geisterwelt, und Nebel beeindruckt mich wenig, es sei denn, er kommt in einer solch imposanten Form, dass ich meine Schuhspitzen nicht mehr erkennen kann. Ein solches, wahrhaft seltenes Erlebnis fasziniert mich, und ich erwarte dann tatsächlich eine Überraschung, irgendeine aussergewöhnliche Begegnung, aber keinesfalls ein Rendezvous mit einem Geistwesen. Ich wäre mit einem Tier zufrieden, sagen wir, mit einer Kuh, die plötzlich vor mir auftaucht und mich verwundert anstarrt, so wie ich zurückstarre, bis wir beide zu der Erkenntnis kommen, dass eine freundschaftliche Geste die ungeklärte Lage in ein gutes Licht rückt, und wir uns mit Nase an Nase reiben begrüssen und gleichzeitig verabschieden. Ja, das wäre so ganz in meinem Sinne.

Ich schaue wieder auf mein Bild, bin zurück in der Wirklichkeit. Denke so: Was für eine friedliche Welt! Und die Natur macht ihren Job. Sie tut, was ihr aufgetragen ist. Sie zerstört nicht, sondern sie gestaltet. Sie gestaltet um, was der Mensch hinterlassen hat. Sie arbeitet mit Augenmass und achtet dabei auf Harmonie. Sie übernimmt ein zerstörtes Haus und integriert es in eine ihrer Kompositionen auf eine ästhetische Weise und beseitigt die Traurigkeit des Ortes.

Und das Bild vermittelt eine Botschaft der Natur an den Menschen: Bleibe, wo Du bist! Dieser Ort hier ist mein Revier, und ich wünsche Deine Gesellchaft nicht. Heute nicht, und nicht hier!